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Knapp 11 Wochen sind seit Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine vergangen. Auch wenn viele Betriebe bereits die Auswirkungen des Krieges durch gestiegene Preise, Störungen in den Lieferketten oder den Verlust von Geschäftspartnern und Kunden spüren, ist die Hilfsbereitschaft der deutschen Unternehmen ungebrochen. Nachdem in den ersten Wochen vor allem der Fokus darauf lag, die Menschen in Sicherheit zu bringen, sie mit dem Nötigsten zu versorgen und ihr Ankommen in Deutschland zu unterstützen, wird nun vermehrt die Frage nach den beruflichen Perspektiven in Deutschland gestellt.
Doch wie ist es aktuell um die Arbeitsmarktintegration von Menschen mit Fluchthintergrund in Deutschland bestellt? Was haben Unternehmen in den Jahren seit 2015 gelernt und wie können diese Erfahrungen auch im Umgang mit den ankommenden Menschen aus der Ukraine hilfreich sein? Über diese und weitere Fragen hat das NETZWERK Unternehmen integrieren Flüchtlinge im Rahmen eines Pressegesprächs gemeinsam mit Michael Kellner, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz, Sofie Geisel, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des DIHK e.V., und drei Mitgliedsunternehmen des NETZWERKs diskutiert.
Michael Kellner, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz und Beauftragter der Bundesregierung für Mittelstand, würdigt das Engagement der Unternehmen: „Ich bin sehr dankbar für das große Engagement, mit dem die deutschen Unternehmen die betriebliche und auch gesellschaftliche Integration von Geflüchteten in den letzten sieben Jahren und auch ganz aktuell anpacken. Mit diesen vielfältigen und praktischen Erfahrungen in der Integration von Geflüchteten bieten sie für die Menschen aus der Ukraine eine wichtige Stütze, wenn der Wunsch, auch im deutschen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, stärker wird. Das Inkraftsetzen der entsprechenden EU-Richtlinie war dafür ein wichtiger Schritt und ist die Grundlage, um diesen Menschen eine schnelle und unbürokratische Integration zu ermöglichen.“
Damit perspektivisch die Arbeitsmarktintegration auch in der Praxis Erfolg hat, führt Sofie Geisel, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des DIHK e.V., weitere wichtige Stellschrauben an: „Aktuell lässt sich noch nicht vorhersagen, wie lange die Menschen aus der Ukraine in Deutschland bleiben werden. Aber die Erfahrungen aus den letzten Jahren zeigen, dass eine Arbeitsstelle für Geflüchtete oftmals weit mehr ist als nur ein Job. Sie ist häufig der Start in eine neue Existenz, bietet Stabilität und ermöglicht eine Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Deshalb ist es wichtig, dass auch die Rahmenbedingungen für eine Integration in den Arbeitsmarkt für Geflüchtete und Unternehmen stimmen. Dazu gehören neben einheitlichen und zügigen Registrierungsverfahren ein schneller Zugang zu umfangreichen Sprachkursangeboten, die auch digitale und hybride Formate beinhalten. Da aktuell vorwiegend Frauen und Kinder nach Deutschland kommen, werden auch der Zugang zur Kinderbetreuung und die Beteiligung im Schulsystem entscheidend sein.“
NETZWERK-Unternehmen sind gut vorbereitet
Lea Hendrickx, Ausbildungsbegleiterin bei der Pflegeeinrichtung MÜNCHENSTIFT, berichtet über ihre Erfahrungen in der Ausbildung von Geflüchteten und wo sie sich noch Anpassungen wünschen würde: „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass das Ankommen im Beruf eine gute Vorbereitung und ausreichend Zeit benötigt. Neben der Herausforderung, die deutsche Sprache zu lernen, müssen zumeist weitere Hürden überwunden werden. Für viele Geflüchtete, die sich beispielsweise in einer Duldung befinden, ist an die Ausbildung und Beschäftigung auch der befristete Aufenthalt in Deutschland gebunden. Die Einführung der Aus- und Beschäftigungsduldung war ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, um mehr Planungssicherheit für beide Seiten zu schaffen. Dennoch würden wir uns wünschen, dass wir das große Engagement von Geflüchteten an ihrem Arbeitsplatz noch stärker einbeziehen können, wenn es um die Bleibeperspektive geht. Dass ein schneller Zugang zur Integration wichtig und möglich ist, sehen wir aktuell bei den Menschen aus der Ukraine. Ein ähnliches Vorgehen würden wir uns auch für Geflüchtete aus anderen Herkunftsländern wünschen.“
Kerstin Murano, Sachbearbeiterin im Bereich Personalentwicklung beim Hessischen Rundfunk, weiß, wie wichtig externe Unterstützungsangebote für eine erfolgreiche Ausbildung sind: „Die Ausbildung von Menschen mit Fluchthintergrund bringt zusätzliche Herausforderungen auf sprachlicher, rechtlicher und kultureller Ebene mit sich. Unternehmen können dies häufig nicht allein stemmen. Aber mit einem guten Netzwerk aus externen Partnern war das in unserem Fall sehr gut zu bewältigen. Joblinge Kompass Frankfurt und BIFF - Berufliche Integration von Flüchtlingen in Frankfurt sind für uns wichtige Ansprechpartner geworden, zum einen, um überhaupt Kontakt zu Menschen mit Fluchthintergrund aufzubauen und zum anderen als Begleitung während der Einstiegsqualifizierung und der Ausbildung. Seit 2015/16 wurden zahlreiche Strukturen geschaffen, die Unternehmen bei Ihrem Vorhaben unterstützen, Menschen mit Fluchterfahrung in das eigene Unternehmen zu integrieren. Diese können auch in der aktuellen Situation unterstützen, denn kein Unternehmen muss diese Herkulesaufgabe allein schaffen.“
Ulrich Temps, Geschäftsführer der temps GmbH - Malereibetriebe, ist bereits seit einigen Jahren sehr aktiv in der Ausbildung von Menschen mit Flucht- und Migrationshintergrund. Aus eigener Erfahrung weiß er, dass das Erlernen der deutschen Sprache für Geflüchtete eine wichtige Voraussetzung ist, um das Ankommen in Deutschland zu erleichtern und erfolgreich ins Berufsleben zu starten: „Von unseren eigenen Azubis wissen wir, dass gute Deutschkenntnisse essenziell sind, um in einem neuen Land anzukommen, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen und auch beruflich Fuß zu fassen. Aus diesem Grund haben wir kurzerhand Sprachkurse für ca. 80 Ukrainerinnen und Ukrainer in unserem Ausbildungszentrum möglich gemacht. Getreu meinem Leitspruch 'Was uns anvertraut wurde, soll auch anderen wohltun', versuchen wir damit, den Menschen aus der Ukraine in dieser schwierigen Situation die Möglichkeit für einen guten Start in unserer Region zu geben.“
Anwar Kadhim, ehemaliger Azubi und jetzt Geselle bei der temps GmbH - Malereibetriebe, ist selbst 2015 aus dem Irak nach Deutschland gekommen und erinnert sich noch sehr gut, was für ihn in der Anfangszeit in seiner neuen Heimat besonders hilfreich war:
„Was mir am Anfang in Deutschland vor allem geholfen hat, waren die Menschen, die Interesse hatten, mich zu unterstützen. Sie haben mir Tipps gegeben, wie und wo man sich weiterbilden kann. Durch sehr gute Freunde, mit denen ich im Laufe der Zeit eine immer bessere Beziehung aufgebaut hatte, konnte ich das Leben in Deutschland besser kennenlernen. Und Gott sei Dank bin ich bei der Firma temps gelandet. Dort wurde ich während meiner Ausbildung mit dem Programm Ausbildung+ unterstützt. So konnte ich mich durch interne Nachhilfeangebote verbessern. Durch die verständliche Art des Teams habe ich mich immer wohlgefühlt und konnte mich gut weiterentwickeln.“
Weitere Informationen
Das NETZWERK Unternehmen integrieren Flüchtlinge wurde 2016 als gemeinsame Initiative des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) und des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz gegründet. Mit seinen mehr als 3.000 Mitgliedern ist es deutschlandweit der größte Zusammenschluss von Unternehmen, die sich für die Ausbildung und Beschäftigung von Geflüchteten engagieren. Die Angebote des NETZWERKs reichen von Beratung und Informationsmaterialien über Webinare bis hin zu Workshops und Veranstaltungen und sind wie die Mitgliedschaft kostenlos. Weitere Informationen gibt es unter www.nuif.de.